"Zigeuner-Boxer"

Drei Projekttage mit den 8. Klassen im Gymnasium Pasewalk

Hans will vergessen. Vergessen, wie er seinen Freund Ruki kennengelernt hat, als dieser ihm in der Kindheit einen Apfel schenkte. Vergessen, wie Ruki ihn damals als Jugendlicher zum Boxen brachte und als junger Mann - als "Zigeunerboxer" - zunehmend von den Nationalsozialisten am Boxen gehindert wurde. Vergessen, wie sie sich im Arbeitslager wiederbegegneten; wie sie dort zur Belustigung der Wachmänner gegeneinander kämpfen mussten; wie Ruki einen SS-Mann niederschlug und Hans ihn deshalb erschießen musste. Die Erinnerung ist ein Raubtier, eine Würgeschlange. Doch Hans kann sie nicht loswerden. Die Erinnerung ist er selbst.
Reinigers Figur Hans macht die Schrecken der Nazizeit nachfühlbar, indem er die Geschichte einer Freundschaft erzählt, die im Dritten Reich nicht bestehen darf und die doch über den Tod hinaus besteht. Denn im Boxring, so Hans, ist nicht immer der der Sieger, der den Gegner K.O. schlägt. Manchmal gewinnt der, der sich niederschlagen lässt und vom Publikum trotzdem bejubelt wird.

Ausgehend von der Autorinnenlesung mit Rike Reiniger aus dem Buch "Zigeuner-Boxer" schreiben die Schülerinnen und Schüler im workshop mit Frank Reiniger (Bildungsreferent) alternative Handlungsverläufe zur Geschichte. In Raumdiskussionen setzen sie sich mit Thesen zu Sozialem Mut auseinander, wie etwa "Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht" oder "Ziviler Ungehorsam darf niemals gewaltsam sein". Anschließend schreiben sie fiktive Briefe, um tatsächlich erlebte Situationen zu schildern, in denen sie Zeuginnen und Zeugen von Ungerechtigkeiten geworden sind. 

Differenziert und überlegt tauschen die Jugendlichen unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen aus. Dabei tauchen aktuelle Fragen auf, wie etwa: Ist es Sozialer Mut, sich auf Straßen festzukleben oder ist es Gewalt gegen Unbeteiligte? Ist die Situation von Obdachlosen ungerecht oder könnten sie selbst etwas daran ändern? Warum unterscheiden sich die rechtlichen Situationen von Flüchtlingen aus den verschiedenen Herkunftsländern in Deutschland? Dass es auf solche Fragen unter Umständen keine eindeutigen Antworten gibt, ist ein wichtiges Ergebnis des workshops. Denn: Die individuelle Reflexion bildet einen Grundbaustein von Demokratie.

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